Ein Tag im 1. Chemnitzer Montessori-Kinderhaus

Schon von weitem strahlen die großen selbst gemalten Buchstaben und lustigen Männchen an den Eingangstüren den Besucher an, laden ihn ein, einzutreten. In dem fröhlichen Gewimmel, das hinter diesen Türen auf ihn wartet, kann er die meiste Zeit viele zufriedene kleine Gesichter entdecken, die ihn anlachen - wenn sie nicht gerade eine jener unendlich schweren Zeiten durchstehen, die so eine kleine Kinderseele hin und wieder überkommen.

Bild 1 - Rosa TurmBeides hat hier seinen Platz, auf beides wollen wir Erzieherinnen eingehen und wir erleben, daß gerade dadurch die Kinder glücklich in unserem Haus sind. Unser Ziel ist es, daß jedes Kind all seine Gefühle und Wünsche ohne Angst einem von uns anvertrauen kann und weiß, daß wir es verstehen und seine Empfindungen nachvollziehen können. Dabei ist es uns wichtig, die ganz persönlichen Gefühle und Sehnsüchte zu respektieren und sie als Bereicherung anzusehen. Auf keinen Fall sollen Neigungen und Interessen unterdrückt werden, auch oder gerade wenn sie außergewöhnlich sind. Für viel wichtiger halten wir es, die Ursachen dafür zu erkennen und zu verstehen. Wir wollen aktive Gestalter des Kinderlebens sein, vielfältige Angebote unterbreiten und es dennoch den Kindern überlassen, sich für das eine oder andere zu entscheiden. Durch Liebe, Wärme und Zuneigung sollen sich die Kinder in unserem Haus wohifühlen.

Um diese Ziele zu erreichen, haben wir die Pädagogik Maria Montessoris als die Grundlage unserer Arbeit gewählt, da sie zum einen von einem großen Respekt vor der Individualität und Würde eines jeden Menschen gekennzeichnet ist und zum anderen Hilfsmittel anbietet, die optimal auf die Entwicklungsphasen eines Kindes zugeschnitten sind: Die Montessori-Materialien. Die Montessori-Pädagogik legt sehr viel Wert auf die Freiheit und die Selbständigkeit des Kindes, ohne dabei die Grenzen zu vernachlässigen. So bestimmt jedes Kind selbst, womit es spielt, aber während der Freiarbeit müssen sie sich mit etwas beschäftigen; zwar dürfen die Kinder in unseren Gruppen schlafen, so lange sie wollen und dann aufstehen, aber müssen dann selbstverständlich leise sein.

Das gleiche gilt für die Selbständigkeit: Sie wächst mit dem Kind und es muß üben, damit umzugehen. Der Satz "Hilf mir, es selbst zu tun" drückt sehr schön aus, worin wir unsere Aufgabe als Erzieherinnen sehen - das Kind soll zuerst einmal sehen, wie es alleine zurecht kommt und immer jemanden in der Nähe haben, der ihm dann jedoch nicht die Arbeit abnimmt, sondern zeigt, wie es geht.

Vor diesem Hintergrund haben wir im Kinderhaus Lebensräume geschaffen, in denen die Kinder spürbar gerne sind und die Möglichkeit haben, zu eigenständigen Persönlichkeiten heranzuwachsen. Voraussetzung dafür ist eine von uns sorgfältig ausgewählte "vorbereitete Umgebung". Sie umfaßt die Lebens- und Lernwelt der Kinder und soll die Konzentration fördern. Das Kind soll die Möglichkeit haben oder auch lernen, sich in eine Sache zu vertiefen.

Hierbei sind die verschiedenen Montessori-Materialien, die den Kindern in offenen Regalen zur Verfügung stehen, eine wertvolle Hilfe. Sie sprechen alle Sinne an, so daß sie von einem Kind im Lauf der Zeit mehrfach unterschiedlich benutzt werden können. Die Materialien lassen sich in fünf Rubriken gliedern: übungen zum täglichen Leben, Sinneserziehung, Mathematik, Sprache, kosmische Erziehung.

Bild 2 - TreppeZu den "Sinnesmaterialien" gehören der rote Turm und die braune Treppe (Bild 1 und 2), die sich miteinander kombinieren lassen: Der rote Turm besteht aus 10 rosafarbenen Würfeln, dies sich dreidimensional von unten nach oben mathematisch exakt verjüngen, so daß das Kind mit dem obersten, dem kleinsten Kubus selbst kontrollieren kann, ob die Reihenfolge richtig ist. Die braune Treppe hat 10 Quader, mit verschiedenem Querschnitt (im Quadrat der Zahlen ansteigend). Nebeneinandergelegt ergibt sich eine treppenförmige Anordnung - der kleinste Quader dient widerum der Kontrolle.

Bild 3 - EinsatzzylinderBei den Einsatzzylindern (Bild 3) gibt es 4 verschiedene Blöcke: bei gleichem Querschnitt ändert sich die Höhe; der Querschnitt nimmt gleichmäßig zu, die Höhe bleibt gleich; der Zylinder nimmt in allen Dimensionen ab; der Querschnitt nimmt ab, die Höhe nimmt zu. Dabei lernen die Kinder das Unterscheiden von Dimensionen und erkennen, wie Körper und Hohlraum einander entsprechen. Der Dreifingergriff wird zudem geschult - eine gleichzeitige Vorübung auf das Schreiben.

Bild 4 - PerlenZu den Mathematikmaterialien gehört zum Beispiel das "Perlenmaterial" (Bild 4). Damit läßt sich im Zahlenbereich von 0 bis 10 üben, die Zahlen sowohl zerlegen als auch addieren bzw. subtrahieren. Nebenbei wird die Merkfähigkeit geschult, da eine gleiche Anzahl von Perlen die gleiche Farbe hat und somit die gleiche Zahl bedeutet.

Bild 5 - Wasser gießenDie Übungen des täglichen Lebens wie "Sand schütten" (Bild 5) und "Wasser gießen" kanalisieren den enormen Bewegungsdrang des Kindes in erzieherisch sinnvoller Weise. Diese übungen fördern, koordinieren, verfeinern und harmonisieren Bewegungsabläufe. Sie fördern die Unabhängigkeit des Kindes vom Erwachsenen, seine Selbständigkeit und damit seine Sicherheit und sein Selbstwertgefühl.

Bild 6 - NagelbuchstabenZu den Sprach-Materialien zählen wir die "Nagelbretter mit Rollbuchstaben" (Bild 6). Die Kinder erfassen mit allen ihren Sinnen z. B. die Laute "E" und "A", was Lesen und Schreiben durch Sehen und Tasten vorbereitet.

Die große Vielfalt dieser Materialien gibt den Kindern die Möglichkeit, im aktiven Tun alle guten Kräfte zur Entfaltung zu bringen, ihr Selbsttun zu übern, so lange sie wollen. Diese Hilfsmittel sind so gestaltet, daß die Kinder gerne zugreifen und die Sachen mehrmals täglich aus dem Regal nehmen, damit spielen und sie selbständig wieder zurückräumen. Das Kind wählt das Material grundsätzlich selbst aus, je nach dem, wofür es sich gerade interessiert.

Eine weitere Besonderheit ist die schon erwähnte Fehlerkontrolle, die jedes Material aufweist. So befinden sich auf der Rückseite der Tierfamilienkärtchen, bei denen Mutter, Vater und Kind zusammengestellt werden, bunte Punkte - jede Familie hat ihre Farbe. Das Kind kann somit ohne Eingreifen der Erzieherin einen Fehler herausfinden und selbst korrigieren.

In der Montessori-Pädagogik hat das Kind das Recht auf Spontaneität und freie Entfaltung - mit den erwähnten Regeln. Es lernt in dieser Freiheit, ist sehr motiviert und konzentriert. Das Kind läßt sich weder stören noch ablenken und braucht am allerwenigsten irgendeine Gängelei oder Hilfestellung durch den Erwachsenen, die ihm etwas abnimmt, was es selbst schaffen kann. Die Rolle der Erzieherin hat sich geändert. Wir sind Wächter und Beobachter der kindlichen Bedürfnisse und Entwicklungen. Unsere Aufgabe ist es vor allem, den Kindern zu helfen, Selbständigkeit im Denken und Handeln zu gewinnen uns ihren Willen zu entwickeln, indem wir ihnen Raum für ihre freien Entscheidungen geben. Dies sind zumindest die Erfahrungen mit den uns anvertrauten Kindern, die in vielen ähnlichen Einrichtungen ebenso gemacht werden.

Bild 7 - MorgenrundeWenn die Kinder morgens in das Kinderhaus kommen, gehen sie in die Spielräume ihrer jeweiligen Gruppe. In gemütlicher Runde bei Kerzenlicht und leiser Musik frühstücken wir. Anschließend kommen alle zum Morgenkreis zusammen: Wir sitzen um einen runden Bastteppich, in dessen Mitte eine Kerze steht (Bild 7) Eine zweite Kerze wird herumgereicht und wer etwas erzählen möchte, darf sie anzünden. Dabei haben die Kinder die Möglichkeit, sich im freien Sprechen zu üben und sie lernen, einander zuzuhören.

War jedes Kind an der Reihe, folgt die "Stille Übung". Sie führt die Kinder in das Gegenteil der Bewegung, in das Verharren, das Ruhen bei gleichzeitiger konzentrierter Anspannung auf alles Hörbare. Zum Beispiel geben wir ein kleines Glöckchen im Kreis herum, wobei während des Weiterreichens kein Ton die Stille stören soll.

Nach dieser meditativen übung wechseln die Kinder gleitend zur Freiarbeit. Eine Erzieherin hat bereits das andere Zimmer mit den Montessori-Materialien vorbereitet. Der eigene Wert kindlicher Aktivität, ob als Spiel oder als Arbeit bezeichnet, liegt in der Ernsthaftigkeit des Tuns, der zeitlichen Ungebundenheit, der Freiheit von Ergebniszwängen und der Freiheit in der Wahl der Tätigkeit. Das bedeutet, jedes Kind beschäftigt sich in der Freiarbeit intensiv mit einem selbst gewählten Arbeitsmaterial so lange es selbst will. Falls das Kind es wünscht, demonstriert die Erzieherin ohne Worte, wie es zu handhaben ist.

Bild 8 - WerkstattJe nach Aufmerksamkeit, Ausdauer und Konzentration schließt sich das Spiel in unseren verschiedenen Ecken an. Die Kinder entscheiden erneut selbst ihren Aufenthaltsort, ob am Basteltisch, in der Puppenküche, auf dem Bauteppich oder in der Verkleidungsecke. Auch in der Werkstatt herrscht immer Betriebsamkeit. Dort erwerben sich die Kinder handwerkliche Fähigkeiten und Fertigkeiten (Bild 8). Sie können auch jederzeit ihr Spiel ins Freie verlagern. Neben den üblichen Spielen wie Buddeln, Dreiradfahren oder Herumtoben, können die Kinder im Kräutergarten, an den Beerensträuchern sowie den Kürbispflanzen die Natur erleben und nutzen lernen.

Individuelle Betreuung der Kinder bedeutet auch, den Schlafgewohnheiten Rechnung zu tragen. Durch unsere kombinierten Schlaf-/Spielräume sind wir in der Lage, jüngere Kinder eher hinzulegen als ältere. Es ist bei uns üblich, die Mädchen und Jungen mit weniger Schlafbedürfnissen schon eher aufstehen zu lassen, ohne die anderen am Ausschlafen zu hindern.

Ausgeglichen gehen die Kinder dann in die zweite Hälfte des Tages. Sobald genügend Kinder wach sind, beginnen wir mit dem Vesper, das sich hinzieht, bis auch die letzten Langschläfer ausgeschlafen haben. Haben die Kinder sich bis dahin ruhig verhalten, so können sie dann im Garten richtig toben und spielen, bis sie abgeholt werden. Daß unsere Konzept aufgeht zeigt sich, daß die Kinder nicht nervös auf ihre Eltern warten, sondern immer etwas zu tun finden, bis Mutter oder Vater erscheint.

Eltern oder Kinder, die mehr erfahren wollen, finden hier Kontaktadressen.

Zum Seitenanfang